Mensch-Tier-Wir

Tali, 31 Jahre - Therapeutin für tiergestützte Intervention, Naturpädagogin und Reittherapeutin

Schön. Aber … Mit wem haben Sie es hier eigentlich zu tun?

Tiere faszinieren und begleiten mich schon mein ganzes Leben lang. Zu den Pferden und dem Reiten kam ich bereits im Alter von 6 Jahren- zunächst im klassischen Reitunterricht. Es folgten Reitbeteiligungen und Pflegepferde und so lernte ich früh was es heißt Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu übernehmen. Schon als Kind hatte ich den Traum vom eigenen Hof.

Zu meinem Herzpferd Chanette kam ich im Alter von 12 Jahren- ein älterer Herr aus der Nachbarschaft nutzte das ausrangierte Rennpferd als Rasenmäher für sein Grundstück– mit dem Versprechen die Kosten selbst zu tragen und unter der Aufnahme mehrerer Nebenjobs übernahm ich sie nach mehreren Jahren Pflege und versuchte das isolierte Tier in einem nahegelegenen Stall in den Herdenverband zu integrieren. Ich hatte es nicht leicht mit Channy (sie ließ keine Führung zu, suchte sich aus wer sie wann anfassen durfte, nicht herdenverträglich, rebellisch und sehr temperamentvoll) und sie hatte es nicht leicht mit mir (wenn auch nicht von der Rennbahn stammend, gab es in der pubertären Persönlichkeitsstruktur der Autorin durchaus Überschneidungen mit der des Pferdes). Romantisiert ausgedrückt hatten wir uns wohl nicht gesucht, aber gefunden.

Meine Passion für Pferde wuchs stetig, sodass ich in den folgenden Jahren einige pferdige Jobs hatte: angefangen von der Stallhilfe bis hin zum nationalen und internationalen Groom (quasi der Beziehungs- und Sozialarbeiter für Turnierpferde) und des Pflegens und Ausbildens von Nachwuchs- und Verkaufspferden war alles dabei.

Mit 17 zog ich von zu Hause aus, schmiss in der Stufe 13 mein Abitur und begann -zur großen Begeisterung meiner Familie (Vorsicht, aufkeimende Ironie) - eine Ausbildung zur Pferdewirtin auf einem namhaften Dressurgestüt. Mähne einnähen, Schermaschinen, Stiefel fetten, Pferde waschen, Führmaschine, bloß kein Freilauf und Bandagieren waren mein täglich Brot- auch der fliegende „ÄppelBoy“ (ein Hilfsmittel zum Pferdeäpfel aufsammeln) in der Halle, wenn meine reiterlichen Künste nicht zur Zufriedenheit des Ausbilders beitrugen, war vertreten. Ich hatte Talent, ich sollte mich mehr anstrengen, mehr durchsetzen, mehr reiten, weniger denken. Hm.

Nach der Arbeit Kontrastprogramm beim eigenen Pferd : den Auslauf säubern und Zäune reparieren, dicke Dreckkrusten vom Fell bürsten, auch mal nur spazieren gehen, schmusen (wenn Channy wollte)- misten, meine Schuhe im Matsch verlieren und den Schmied bezahlen (auch wenn ich nicht wollte). Aber stets zufriedene Pferdegesichter. Mittlerweile hatte sich unsere kleine Herde um Nudel erweitert, die ich von einem nahegelegenen Gnadenhof übernommen hatte. Nudel war klein, wendig, frech und hatte Feuer. Gratis dazu gabs noch Hufrehe und chronischen Husten. Aber ich wusste sofort: das ist Channys Pferdefreundin- genauso speziell, aber liebenswert.

Ich arbeitete mehrere Jahre in meinem Beruf- unter anderem auch in einer Pferdeklinik, wo ich sehr viele einschlägige Erfahrungen sammelte. Nach der Arbeit warteten Channy und Nudel auf mich.


In meinem Beruf wurde mir die Nutzung der Tiere als Kapitalvermögen und Sportgerät mehr und mehr bewusst und stieß mich immer mehr ab- in den großen Betrieben, in denen ich arbeitete, standen die artgerechte Haltung der Tiere und damit deren Wohlergehen, sowie der wertschätzende Umgang mit dem menschlichen Pendant stets an zweiter Stelle.

2013 wendete ich mich von meinem Beruf und der Sportszene endgültig ab.

Auf dem Berufskolleg holte ich mein Abitur nach und absolvierte eine Ausbildung zur Heimerzieherin. An Fort- und Weiterbildungen in den Bereichen Konfliktlösung, Anti-Aggressionstraining, Resilienz und Natur- und Erlebnispädagogik nahm ich regelmäßig sehr interessiert teil und entfaltete mit der Zeit meine eigene pädagogische Grundhaltung.  Ich arbeitete in einem Flüchtlingsheim für minderjährige männliche Jugendliche. Die anfängliche große Sprachbarriere konnten wir mit meiner Hündin Regina wunderbar überwinden -Kommunikation ist eben facettenreich.

In Absprache mit dem sozialen Träger der Einrichtung startete ich ein tiergestütztes pädagogisches Projekt mit den Jugendlichen und meinen Pferden. Es war wirklich eine Bereicherung. Hier, in diesem Projekt, fand ich meine Berufung.

Ich folgte meiner inneren Stimme und wollte den Traum vom eigenen Hof realisieren. Ich sah mir viele Höfe an und 2018 war endlich der Richtige dabei…

Unser schöner Hof Glücksgriff in Voerde Mehrum am Niederrhein, den wir bis heute immer weiter auf und ausbauen.

Ich erwarb meine Qualifikation zum Trainer C Lehrgang und absolvierte mehrere Lehrgänge beim Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten. Dort traf ich auf viele Gleichgesinnte und meine Hoffnung wuchs, dass ein Leben mit Tieren nicht nur sportlich oder gewinnbringend orientiert sein muss. Vielmehr können wir von Natur und Tieren lernen: über sie, über uns, über das Leben.

Bald schon zogen viele neue Bewohner auf unseren kleinen Hof- keiner wurde gesucht, aber alle fanden einen Platz. Channy und Nudel- mittlerweile 30jährige Ladys- fanden hier viele Freunde und Weggefährten-

Alle speziell. Aber liebenswert.